Narzißten sind beliebt. Als Sündenbock. Läuft in einer Beziehung etwas schief, dann ist schnell die Diagnose „Narzißt“ für denjenigen zur Hand, an dem es angeblich liegt – meist trifft es den Mann. Das ist sehr praktisch, denn dem kann man die ganze Schuld hinüberschieben. Schließlich sind Narzißten Schweine, das weiß ja jeder.
Der größte Vorteil dabei: Man muß sich nicht mit sich selbst befassen. Da man Opfer ist, ist man für nichts verantwortlich und glaubt, ein Recht auf Verständnis, Mitgefühl und Hilfe zu haben. So sagen es unzählige Ratgeber, Podcasts und Videos – und infolge auch die KI, die mit diesem Zeug gefüttert wurde. Und die KI muß es ja wissen …
Die Wirklichkeit ist eine andere. Vater und Mutter kann man sich nicht aussuchen, doch bei der Partnerwahl ist man beteiligt und damit auch verantwortlich. Sich das einzugestehen tut weh. Und genau da beginnt persönliches Wachstum, denn Wachstum ist mit Schmerzen verbunden. Hermann Hesse hat es im „Demian“ auf den Punkt gebracht: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muß eine Welt zerstören.“
Die Welt, das sind in diesem Fall die eigenen Eitelkeiten und Illusionen und das Sich-aus-der-Verantwortung-stehlen. Diese gilt es zu zerstören.
Also: Der Narzißt wird gewählt. Man will ihn, den Charmanten, den Selbstbewußten, den Redegewandten – und nicht den Biedermann, den Langweiler, den Zurückhaltenden, denn mit dem kann man niemanden beeindrucken. Es ist mithin der narzißtische Eigenanteil, der einen zum Narzißten greifen läßt.
Man wählt die Vollmilchseite – für sich und für die Freunde und die Bekannten –, und jammert dann, wenn auf der Rückseite nur Bitter-Schokolade ist. Dann kommt der Standard-Vorwurf, der Narzißt sei unfähig, die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen und auf diese einzugehen. Nichts könnte falscher sein als das.
Narzißten sind Meister der Empathie. Sie spüren ganz genau, was mit dem anderen los ist, wie er tickt, was er braucht. Darin sind sie besser als all die, die ihnen Empathiemangel vorwerfen. Gerade deshalb können Narzißten ihre Manipulationen so gut ins Werk setzen. Man kann nur manipulieren, was man wirklich kennt und versteht.
Damit sind wir bei der wichtigsten Erkenntnis zum Thema Narzißmus: Der Narzißt ist nicht unfähig, die Bedürfnisse und Gefühle anderer zu erkennen. Er tut genau das. Ständig. Und er manipuliert andere damit ständig. Doch er anerkennt die Bedürfnisse und Gefühle anderer nicht. Die Bedürfnisse und Gefühle anderer verdienen es aus seiner Sicht schlicht nicht, ernstgenommen zu werden.
Der Narzißt kann Empathie, doch er verweigert sie. So hat er sich entschieden. Und, jetzt wird es spannend: Entscheidungen kann man ändern. Wenn man will. Damit trinken Narzißt und Narzißten-„Opfer“ aus demselben Becher: Der Narzißt entscheidet sich dafür, daß andere für ihn bedeutungslos sind und behandelt sie entsprechend. Die Narzißten-„Opfer“ entscheiden sich dafür, den Narzißten erstmal großartig zu finden, und nehmen es ihm später übel, daß sie ihm auf den Leim gegangen sind. |