Seitenblick - Der Newsletter von Odysseus Kinesiologie & Coaching

Empathische Narzißten, Fitneß-Qualen und September

Meine Themen heute für Sie: Narzißten können Empathie – doch sie wollen nicht | Kriegstüchtig im Fitneß-Studio? | Warum trinken alte Menschen kaum Wasser? | Heilsame Schönheit: Bäume tun uns gut | Geld hilft beim Verstehen | Ein Monat, zwei Gedichte | Viel Vergnügen beim Lesen!

Dieser Newsletter ist zu 100 Prozent frei von KI. Was Sie hier lesen, ist auf meinem Mist gewachsen. Und bekanntlich wachsen auf dem Mist die schönsten Rosen.

Eine Bitte: Wenn Sie jemanden kennen, den das, was ich hier erzähle, interessiert, leiten Sie ihm diesen Newsletter weiter. Dankeschön!

Wolfgang Halder, Odysseus Kinesiologie & Coaching

Meister der Empathie

Narzißten sind beliebt. Als Sündenbock. Läuft in einer Beziehung etwas schief, dann ist schnell die Diagnose „Narzißt“ für denjenigen zur Hand, an dem es angeblich liegt – meist trifft es den Mann. Das ist sehr praktisch, denn dem kann man die ganze Schuld hinüberschieben. Schließlich sind Narzißten Schweine, das weiß ja jeder. 

Der größte Vorteil dabei: Man muß sich nicht mit sich selbst befassen. Da man Opfer ist, ist man für nichts verantwortlich und glaubt, ein Recht auf Verständnis, Mitgefühl und Hilfe zu haben. So sagen es unzählige Ratgeber, Podcasts und Videos – und infolge auch die KI, die mit diesem Zeug gefüttert wurde. Und die KI muß es ja wissen …

Die Wirklichkeit ist eine andere. Vater und Mutter kann man sich nicht aussuchen, doch bei der Partnerwahl ist man beteiligt und damit auch verantwortlich. Sich das einzugestehen tut weh. Und genau da beginnt persönliches Wachstum, denn Wachstum ist mit Schmerzen verbunden. Hermann Hesse hat es im „Demian“ auf den Punkt gebracht: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muß eine Welt zerstören.

Die Welt, das sind in diesem Fall die eigenen Eitelkeiten und Illusionen und das Sich-aus-der-Verantwortung-stehlen. Diese gilt es zu zerstören.

Also: Der Narzißt wird gewählt. Man will ihn, den Charmanten, den Selbstbewußten, den Redegewandten – und nicht den Biedermann, den Langweiler, den Zurückhaltenden, denn mit dem kann man niemanden beeindrucken. Es ist mithin der narzißtische Eigenanteil, der einen zum Narzißten greifen läßt.

Man wählt die Vollmilchseite – für sich und für die Freunde und die Bekannten –, und jammert dann, wenn auf der Rückseite nur Bitter-Schokolade ist. Dann kommt der Standard-Vorwurf, der Narzißt sei unfähig, die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen und auf diese einzugehen. Nichts könnte falscher sein als das.

Narzißten sind Meister der Empathie. Sie spüren ganz genau, was mit dem anderen los ist, wie er tickt, was er braucht. Darin sind sie besser als all die, die ihnen Empathiemangel vorwerfen. Gerade deshalb können Narzißten ihre Manipulationen so gut ins Werk setzen. Man kann nur manipulieren, was man wirklich kennt und versteht.

Damit sind wir bei der wichtigsten Erkenntnis zum Thema Narzißmus: Der Narzißt ist nicht unfähig, die Bedürfnisse und Gefühle anderer zu erkennen. Er tut genau das. Ständig. Und er manipuliert andere damit ständig. Doch er anerkennt die Bedürfnisse und Gefühle anderer nicht. Die Bedürfnisse und Gefühle anderer verdienen es aus seiner Sicht schlicht nicht, ernstgenommen zu werden.

Der Narzißt kann Empathie, doch er verweigert sie. So hat er sich entschieden. Und, jetzt wird es spannend: Entscheidungen kann man ändern. Wenn man will. Damit trinken Narzißt und Narzißten-„Opfer“ aus demselben Becher: Der Narzißt entscheidet sich dafür, daß andere für ihn bedeutungslos sind und behandelt sie entsprechend. Die Narzißten-„Opfer“ entscheiden sich dafür, den Narzißten erstmal großartig zu finden, und nehmen es ihm später übel, daß sie ihm auf den Leim gegangen sind. 

Bitte quäl mich!

„Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein“ – dieser Satz entsprang vor einiger Zeit dem Gehege der Zähne eines deutschen Politikers. Ob auch das oberhalb der Zähne liegende Organ dabei mitwirkte? In den heißen Sommerwochen des Juli und August bekam ich einen Eindruck, wie der Weg zur Kriegstüchtigkeit aussieht.

Um 7 Uhr morgens, als ich beim Frühstück saß, erklang Tag für Tag martialisches Gebrülle: „JA! WEITER, WEITER! TEMPO! LOS! TEMPO! WEITER! SCHNELLER! DRANBLEIBEN!“ So ging das eine halbe Stunde. Dann waren wieder nur die normalen Großstadt-Geräusche zu hören.

Ich wunderte mich: Hat die Bundeswehr ein Ausbildungszentrum bei mir in der Gegend eröffnet? Mitten im Wohngebiet? Das Rätsel löste sich, als ich zum Fernglas griff: Ein Fitneß-Studio in der Nähe hatte die Fenster geöffnet, um die Räume mit kühler Morgenluft zu fluten; so bekam ich, der ich noch nie in solch einem Studio war, akustisch mit, wie es dort zugeht.

„Aha“, dachte ich, „die Leute bezahlen freiwillig dafür, daß sie im Kasernenhofton angebrüllt werden und fühlen sich wahrscheinlich ,mega’ dabei. Was für ein seltsames Wesen ist doch der Mensch!?!

Sorgen um die Kriegstüchtigkeit der Deutschen mache ich mir seither keine mehr. Allerdings gibt es Optimierungsmöglichkeiten: Die Bundeswehr sollte sich in „Deutschland fit“ umbenennen, Eintritt in die Kasernen verlangen und dort teure Energy Drinks und Protein Shakes verkaufen, dann wäre der Personalmangel schnell behoben.

„Ich hab' keinen Durst!

Warum trinken alte Menschen kaum Wasser? Auch die Jungen trinken meiner Erfahrung nach viel zu wenig, doch deren Systeme sind noch elastischer und können viel schädliches Verhalten abfedern. Bei Alten geht das nicht mehr. Der Wassermangel frißt an ihnen, an allen Ecken und Enden: Müdigkeit, Verstopfung, Kreislaufprobleme, Nierenschäden, Schwindel, Verwirrtheitszustände ...

Mit diesen Symptomen gehen sie dann zum Arzt. Der fragt meist nicht, wieviel Wasser der Patient trinkt, sondern hat gleich „was“ für das Symptom: ein Medikament. Das wird meist mit Wasser eingenommen, hat also dadurch ein bißchen positive Wirkung. Die „Neben“-Wirkungen – sprich: Schäden – sind ein anderes Thema.

Meine Mutter beantwortete meine Frage, warum sie kaum was trinke, immer mit  dem Klassiker: „Ich hab’ keinen Durst!“ Nach dieser Logik putzt man die Zähne nicht eher, als wenn sie weh tun. Man atmet erst, wenn man kurz vor dem Ersticken ist. Man gießt die Blumen, wenn sie schon gelb sind und die Blüten hängen lassen.

Seltsamerweise werden Kaffee und alle Arten von gefärbten Zucker-Flüssigkeiten auch ohne Durst getrunken. Ihr Auto behandeln die meisten Menschen weit besser als sich selbst ...

Wer schon bei mir in der Praxis war, kennt meine Wasser-Predigt, deren Kern ganz einfach ist: Nur Wasser ist Wasser. Aus jedem anderen Getränk muß unser Körper erst aufwendig das Wasser extrahieren. Wasser ist sofort verwertbar. Unsere erste Tat nach dem Aufstehen sollte sein: Wasser trinken. Das zu beachten ist für unser Wohlergehen wertvoller als die meisten Coachings ...

Für mich hat die Wasserverweigerung eine stark suizidale Note. Ich weiß, mit diesem Satz hänge ich mich weit aus dem Fenster. Doch da hat man einen guten Ausblick ...

Heilsame Schönheit: Bäume

„Ich verstehe nicht, wie man an einem Baum vorübergehen kann und nicht beglückt sein, daß man ihn sieht?“, sagte Dostojewski. So geht’s mir auch. Deshalb zeige ich Ihnen hier besonders beglückende Bäume, an denen ich vorübergegangen bin. 

Bergahorn

Diese Birke ist ein Überlebenskünstler. Sie wächst auf dem spärlichen Humus, der sich auf einem Felsen angesammelt hat. Als spiele sie „Titanic“, reckt sie sich vom Hochufer in den See hinaus. Doch keine Winslet und kein DiCaprio können ihr das Wasser reichen. Die schauspielern nur. Die Birke ist Birke ist Birke.
Am Südufer des Kochelsees

Gedanken-Pfeil

„Es ist schwierig, jemandem etwas verständlich zu machen, wenn sein Gehalt davon abhängt, daß er es nicht versteht!“
Der amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair (1878-1968)

Lesefrucht: Der doppelte September

Endlich ist September. Mein Lieblingsmonat. Der Höhepunkt des Jahres für mich. Deshalb hier – wie jedes Jahr – wieder mein Gedicht „Septemberluft“, mit dem ich diesen Wundermonat feiere. Gewachsen und geerntet in meinem eigenen Gedichte-Garten. Als ergänzenden Kontrast serviere ich Ihnen Hermanns Hesses Gedicht „September“.

Septemberluft

Die ersten Blätter segeln sanft ins Gras,
Die Berge sind nun wieder klar zu sehen.
Jetzt ist es Zeit, noch einmal übers Feld zu gehen,
Sonst kommt die Kälte und wir wissen nicht, warum.

Noch einmal liegen zwischen hohen Halmen,
Wie zwischen Schenkeln warm und zart,
Noch einmal atmen Wiesenduft und süße Erde,
Bevor die Träume lautlos in die Tiefe sinken.

Die Tage bröckeln nun mit jeder Stunde,
Bald fließt das Dunkel uns durch alle Poren.
Wer jetzt sich sucht und wissen will, wohin der Weg ihn führt,
Der findet Ruh und Schutz in milder hoher Luft.

Hermann Hesse: September

Der Garten trauert,
Kühl sinkt in die Blumen der Regen.
Der Sommer schauert
Still seinem Ende entgegen.

Golden tropft Blatt um Blatt
Nieder vom hohen Akazienbaum.
Sommer lächelt erstaunt und matt
In den sterbenden Gartentraum.

Lange noch bei den Rosen
Bleibt er stehen, sehnt sich nach Ruh.
Langsam tut er die großen
Müdgewordenen Augen zu.

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