Der amerikanische Filmregisseur Christopher Nolan hat die „Odyssee“ geschändet. Er hat über den ersten und zugleich tiefsten und schönsten Versuch der Menschheitsgeschichte, zu erkunden, was der Mensch ist, einen riesigen Kübel Action-Jauche gegossen.
Ich greife Nolans mißratenen Film hier als Thema auf, weil Odysseus der Namensgeber meiner Praxis ist. Warum ist er das? Weil er wie kein anderer persönliches Wachstum – mein Thema – verkörpert. Und weil er der erste Mensch mit Bewußtsein ist, diesem wichtigsten Element des persönlichen Wachstums.
Zwischen den beiden großen griechischen Epen „Ilias“ und „Odyssee“ ereignete sich ein fundamentaler Sprung der Menschheitsgeschichte. Die Menschen entwickelten Bewußtsein. In der „Ilias“, der Geschichte des Trojanischen Krieges, sind die Menschen nur von Göttern gesteuerte Marionetten, sie kennen keine Moral, kein Gut und Böse, sie handeln nur auf göttliche Anweisung hin.
Und dann geschieht das Wunder: In der „Odyssee“ entscheiden die Menschen selbst und handeln aus inneren Antrieben. Herz, Seele und Geist treten an die Stelle der Götter. Entscheidungen und Handlungen kommen nun von innen.
Auf Augenhöhe mit den Göttern
Ein Beispiel: In der „Odyssee“ flunkert Odysseus die Göttin und Zeus-Tochter Athene dreist an: „Er redete nicht unverhohlen, sondern hielt das Wort zurück, der er ja immer in seiner Brust einen viellistigen Sinn bewegte.“ Das Entscheidende ereignet sich in Odysseus.
Athene durchschaut sein Spielchen und spricht zu ihm auf Augenhöhe – eine Göttin mit einem Menschen!
„Klug müßte der sein, der dich überholen wollte in allen Listen, und träte auch ein Gott dir gegenüber! Du Schlimmer, Gedankenbunter, Unersättlicher an Listen! Doch reden wir nicht mehr davon, die wir doch beide die Listen kennen!“
Athene spricht mit Odysseus von gleich zu gleich. Das wäre in der „Illias“ undenkbar, und es zeigt die neue Entwicklungsstufe der Menschheit.
Was macht Christopher Nolan mit solchen Szenen? Nichts! Gar nichts! Sie kommen nicht vor in seinem Film. Nolan kann nur Action. Für Batman, den Nolan in drei Filmen durchaus angemessen verwurstet hat, mag das reichen, für Odysseus reicht es nicht. Menschen interessieren Nolan nicht. Er braucht Comic-Figuren. Und so hat Nolan eben das zum Thema seines Films gemacht, was in der „Odyssee“ am unwichtigsten ist: die äußeren Ereignisse, die Riesen, Seeungeheuer und Hexen, die Monster und die klirrenden Waffen.
Hightech-Hochglanz-Langeweile
All diese spektakulären Geschichten in der „Odyssee“ sind nur Theaterdonner, um den Menschen in Odysseus-Art listig das „unterzujubeln“, worum es in der Geschichte wirklich geht. Nolan hat’s nicht begriffen, er serviert uns nur die Verpackung in Hightech-Hochglanz-Langeweile.
Worum geht es wirklich? Um Subjektivierung, Selbst-Bewußtwerdung, innere Dialoge, Reflexion, das Abwägen von Vergangenheit und Handlungsalternativen für die Zukunft. All das sind neue Möglichkeiten des Menschseins. Kurzum: Es geht um den inneren Raum des Menschen, der neu ist in der Geschichte der Menschheit, und dessen Verkörperung Odysseus ist.
Nolan hat in seinem Film viele zentrale Szenen, die zur Essenz der „Odyssee“ gehören, weggelassen. Zwei greife ich auf.
Als einziger Mensch, dem das je gestattet wurde, steigt Odysseus in die Unterwelt hinab, ins Reich der Toten. Doch im Film kommen die Toten massenhaft nach oben und schleichen in „Walking-Dead“-Manier zombiehaft umher, und auch die Gefährten des Odysseus sehen sie.
Odysseus’ Zusammentreffen mit seiner Mutter in der Unterwelt, eine der ergreifendsten Szenen der „Odyssee“, läßt Nolan einfach weg. Da fließt kein Blut, wütet kein Monster, werden keine Köpfe abgehackt. Ist also langweilig für einen Hollywood-Mann. Es geht ja nur um Mutterliebe, Mutterschmerz und Muttersorge um den verschollenen Sohn Odysseus, die so groß wurden, daß sie die Mutter umgebracht haben.
Folgendermaßen erklärt die Mutter ihrem Sohn, warum sie früh gestorben ist: „Keine Krankheit hat mich befallen, wie sie mit böser Abzehrung zumeist die Lebenskraft aus den Gliedern nimmt, sondern die Sehnsucht nach dir und deinen klugen Gedanken, strahlender Odysseus, und deiner Sanftmut hat mir den honigsüßen Lebensmut geraubt“.
„Sanftmütig“ nennt Antikleia ihren Sohn. Diese Charakterisierung ist so ziemlich die letzte, die einem nach Nolans Film zu Odysseus in den Sinn kommt. Weil dieser Film Odysseus in jeder Hinsicht verstümmelt, verzerrt, vergewaltigt.
Heimat statt Unsterblichkeit
Odysseus ist keine Comic-Figur wie Batman, sondern einer der reichhaltigsten Charaktere der Menschheitsgeschichte. Doch Nolan hat nur einen Hammer als Werkzeug, also wird ihm jede Filmfigur zum Nagel, auf den er möglichst kräftig draufschlägt.
Die zweite, von Nolan ignorierte zentrale Szene, auf die ich eingehen möchte, ist das Angebot der Nymphe und Meeresgöttin Kalypso, Odysseus Unsterblichkeit, ewige Jugend und ein Leben im Luxus zu bescheren, wenn er bei ihr bleibt.
Doch Odysseus lehnt ab. Er schlägt die Unsterblichkeit und die ewigen Freuden mit einer strahlend schönen Göttin in den Wind, denn er hat nur einen Wunsch: Er will heim zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemachos. Dafür ist er bereit, alle Leiden der Welt auf sich zu nehmen: „Ich will und begehre alle Tage, nach Hause zu kommen. Und wollte mich auch einer der Götter abermals zerschmettern auf dem Meere: dulden will ich es!“
Man kann sich Nolans „Odyssee“ einfach nur als Actionfilm ansehen. Dann spielt es keine Rolle, daß der Spartanerkönig Menelaos wie ein Schläger aus einem billigen Gangsterfilm redet und der Kyklop Polyphem aussieht, als sei er eine schlecht gelaunte Version eines Minions.
Mir ist dieser Blick verwehrt, denn dafür liebe ich die Odyssee und Odysseus zu sehr. Mein Herz blutet bei dem Seelen-Gemetzel, das Christopher Nolan angerichtet hat.
Nebenbei sei noch erwähnt, daß die deutsche Synchronisierung miserabel ist und viele Namen falsch betont werden. So wird Odysseus’ Sohn „Telemáchos“ genannt, doch er heißt „Telémachos“, „Teirésias“ wird zu „Teiresías“, „Atreus zu „Atre-us“. Schlimm …
Die „Odyssee“ ist eine Reise zum Selbst und zur Identität. Für mich ist sie die bedeutendste Geschichte der Menschheit. Es geht um die wichtigste Reise, die ein Mensch unternehmen kann.
Mein Wunsch an Sie: Lesen Sie die „Odyssee“ selbst – frei von Hollywood-Tumbheiten. Am besten in der Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt (zum Buch). |