Seitenblick - Der Newsletter von Odysseus Kinesiologie & Coaching

Ich als Hebamme und der Mensch als Klaviertaste

Meine Themen heute für Sie: Fantasie ist besser als gute Absicht | Wenn die Sinnsuche im Sinnlosen sinnlos ist | Heilsame Schönheit: Bäume tun uns gut | Verständnislose Plapperer | Groß in Mode: wollüstiger Selbsthaß wie bei Yuval Harari | Viel Vergnügen beim Lesen!

Dieser Newsletter ist zu 100 Prozent frei von KI. Was Sie hier lesen, ist auf meinem Mist gewachsen. Und bekanntlich wachsen auf dem Mist die schönsten Rosen.

Eine Bitte: Wenn Sie jemanden kennen, den das, was ich hier erzähle, interessiert, leiten Sie ihm diesen Newsletter weiter. Dankeschön!

Wolfgang Halder, Odysseus Kinesiologie & Coaching

Beiläufige Erleuchtungen

Beim Gespräch mit Klienten mäandere ich gern durch die Sphären, fließe mal hierhin, mal dahin, kreuz und quer. Ich verwende eine Sport-Metapher und sage dasselbe nochmal mit einem Bild aus dem Büroalltag. Oder ich nutze einen therapeutischen Fachbegriff in Verbindung mit einer autobiografischen Geschichte. Oder ich erzähle die Essenz eines Grimm-Märchens in Verbindung mit einer Göttergeschichte der griechischen Mythologie oder einer Anekdote aus dem Zen-Buddhismus. Manchmal plaudere ich auch einfach so dahin, als säßen Klient und ich privat in einem Café. 

Warum das Ganze? Weil ich in den vielen Jahren meiner Arbeit als Coach und Kinesiologe die Erfahrung gemacht habe, daß meine Konzepte und Deutungen nicht wichtig sind. Häufig sind sie sogar störend und irritierend.

Oft hab’ ich’s erlebt, daß ich meinte, etwas unglaublich Kluges und Tiefgründiges gesagt zu haben, das dem Klienten wie die Trompeten von Jericho in den Ohren klingeln müßte, doch es geschah: nichts. Es war nur Therapeuten-Eitelkeit meinerseits.

Und kurz darauf zuckte der Klient zusammen, richtete sich im Sessel auf, wurde hellwach und sagte begeistert „Ja! Das ist es!“ und bezog sich auf eine Äußerung von mir, mit der ich nichts bezweckt hatte und die aus meiner Sicht vollkommen nebensächlich war. Doch sie hatte beim Klienten einen Nerv getroffen, von dem ich noch gar nichts wußte.

Seit mir das klar wurde, bereite ich mich nur rein energetisch und auf den Prozeß fokussiert auf einen Klienten vor, nicht inhaltlich. Ich achte darauf, daß ich voll präsent bin – dann kann ich einem Klienten bei jedem Thema eine Hilfe sein. Auf Fußball-Deutsch: Es gibt keine Gruppenphase – jede Sitzung ist ein Endspiel.

Ich begleite das persönliche Wachstum von Menschen und bin dabei eine Art Hebamme: Ich zeuge das Kind nicht, ich trage es nicht aus, ich bring es nicht auf die Welt, ich stille es nicht. Ich begleite einen Klienten dabei, wie er sich selbst zeugt, austrägt, gebiert und nährt – wie er sein eigener Vater, seine eigene Mutter und sein eigenes Kind in einem ist und seine einzigartige Metamorphose vollzieht.

Dabei arbeite ich sehr assoziativ. Ein Beispiel: Ein Klient hadert mit einem Persönlichkeits-Anteil, der ihm immer wieder in Bein stellt. Das nervt ihn. Er wünscht sich eine Art Exorzismus „Weg damit! Jetzt, sofort, für immer!“ – und bekommt dabei leuchtende Augen und eine Lebendigkeit, die vorher nicht in ihm war.

Das nehme ich wahr und könnte es nun – vermeintlich schlau – deuten. Statt dessen erzähle ich dem Klienten meine Assoziation, die sein Verhalten in mir erzeugt hat: „Mir kommt der Film ,Heat’ in den Sinn, mit Robert de Niro und Al Pacino; der eine Gangster, der andere Polizist ...“

Weiter komme ich nicht, denn dieses Flämmchen hat den Klienten sofort entzündet: „Ja, genau!“, ruft er, „die beiden könnten die Rollen tauschen, denn sie sind im Grunde einer. Al Pacino hat das Gefühl, sich selbst zu töten, als er auf de Niro schießt.“ – Und da versteht der Klient schlagartig, was es mit seinen Persönlichkeits-Anteilen auf sich hat und daß er einen Krieg gegen sich selbst nur verlieren kann.

Und ich sitze dabei und staune und freue mich. Denn diese Erkenntnis ist die Erkenntnis des Klienten, nicht meine Deutung. Das ist das Entscheidende.

Manchmal ist Mist nur Mist

Die Sinngebung des Sinnlosen ist eine der großen Beschäftigungen des Menschen. Die Religionen haben darin ihren Ursprung – und auch die heutige „Spiritualität“ speist sich daraus. Das hat zur Folge, daß nichts, aber auch gar nichts, das uns widerfährt, einfach nur geschieht, vielmehr wird es auf eine Bedeutung oder Botschaft hin abgeklopft. Und die muß auf Teufel komm raus gefunden werden.

So schleudert uns das „spirituelle“ Denken ständig in einen Strudel der qualvollen Befragung noch der kleinsten Ereignisse unseres Lebens: „Warum widerfährt mir das? Warum jetzt? Warum schon wieder?“ und dergleichen mehr. Eine wundervolle Möglichkeit, sich das Leben zur Sinnsuch-Hölle zu machen.

Das Sinnlose ist eine Grundtatsache des Lebens. Das macht uns schwer zu schaffen. Gerade deshalb sollten wir es anerkennen, sonst kämpfen wir ständig dagegen an – wie jemand, der sich gegen die Schwerkraft wehrt, statt mit ihr wohlüberlegt zu leben.

Meine Antwort ist an Sigmund Freud angelehnt. Der soll gesagt haben, manchmal bedeute eine Zigarre im Traum wirklich nur eine Zigarre und sei kein Phallus-Symbol. So sage ich in bezug auf unangenehme Ereignisse und Erlebnisse: Manchmal ist Mist nur Mist. Ohne Bedeutung, schon gar nicht mit „tieferer“ Bedeutung.

Nicht jedes Malheur ist ein Ausgangspunkt für persönliches Wachstum. Nicht jede Erkrankung ist eine Mahnung zur Umkehr. Nicht jedes Mißgeschick ist ein Zeichen des Universums und eine Lernaufgabe für uns. „Shit happens“ sagen die Engländer. Das finde ich auch.

PS: Wenn’s mir richtig schlecht geht, steige auch ich aufs Sinnsucher-Karussell und drehe einige Runden. Bis mir dämmert, wie sinnlos diese Sinnsuche im Sinnlosen ist. Das kann manchmal dauern. Das hat dann bestimmt seinen Sinn ...

Heilsame Schönheit: Bäume

„Ich verstehe nicht, wie man an einem Baum vorübergehen kann und nicht beglückt sein, daß man ihn sieht?“, sagte Dostojewski. So geht’s mir auch. Deshalb zeige ich Ihnen hier besonders beglückende Bäume, an denen ich vorübergegangen bin. 

Bergahorn

Diese beiden Zirbelkiefer-Kinder sind die letzten Bäume hier auf 2.100 m Höhe. Weiter oben gibt es nur noch Gras und Fels. Im Hintergrund die Dolomiten mit den Geislerspitzen. Die beiden Zirben können dieses Panorama ganz ohne Massen von Selfie-produzierenden Chinesen bestaunen, die drüben im Villnößtal ihre Social-Media-Pflichten erfüllen.
Bei der Zirmait-Alm hoch über dem Eisacktal, Südtirol

Gedanken-Pfeil

„Viele Menschen, welche immer das große Wort führen, werden aus denen nie klug, welche ihretwegen nie zu Wort kommen.“
Der Schriftsteller Gottfried Keller (1819-1890)

Lesefrucht: Verteidigung des Menschen

Wir erleben gerade, wie versucht wird, den Menschen abzuschaffen. Wir reden mit Maschinen. Wir fühlen uns von Maschinen verstanden. Yuval Noah Harari behauptet in seinem ebenso weit verbreiteten wie dünn gestrickten Buch „Homo Deus“, der Mensch sei eine Ansammlung von Algorithmen. Eine biochemische Algorithmen-Maschine auf Eiweiß-Basis, während Computer elektronisch auf Silizium-Basis arbeiten – ihre Funktionsweise sei aber im Wesentlichen dieselbe.

„Modernen“ Menschen gefällt dieser Reduktionismus des „Der Mensch ist nicht mehr als“, weil er ihr Unbehagen mit sich selbst ausdrückt.

Fjodor Dostojewski hat den wollüstigen Selbsthaß à la Harari, der wichtigtuerisch im Kostüm der Wissenschaft einherschreitet, schon 1864 in seinem kleinen Roman „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ drastisch karikiert. Hier für Sie die Passage, die allen Hararis dieser Welt den Marsch bläst:

„Sie sagen, die Wissenschaft wird den Menschen darüber belehren, daß er tatsächlich weder einen Willen noch eine Laune besitzt und auch niemals besessen hat, sondern daß er selbst nichts weiter ist als eine Art von Klaviertaste oder von Stift in einem Leierkasten, und daß es außerdem auf der Welt noch die Naturgesetze gibt, so daß alles, was er nur tun mag, überhaupt nicht nach seinem Willen, sondern nach den Naturgesetzen geschieht. 

Folglich braucht man diese Naturgesetze nur zu entdecken, und der Mensch wird für seine Handlungen nicht mehr verantwortlich sein und ein überaus leichtes Leben haben. Alle menschlichen Handlungen werden dann selbstverständlich nach diesen Gesetzen mathematisch in Form einer Logarithmentafel ausgerechnet, so daß es auf der Welt künftig weder unerwartete Taten noch unerwartete Begebenheiten mehr geben wird.

Dann, all das sagen Sie, werden neue wirtschaftliche Verhältnisse eintreten, die schon vollständig vorbereitet und ebenfalls mit mathematischer Genauigkeit ausgerechnet sein werden, so daß mit einem Schlage alle Fragen verschwinden werden.

Dann wird ein märchenhaftes Leben beginnen. Allerdings kann man nicht garantieren (das sage jetzt wieder ich), daß es dann nicht zum Beispiel furchtbar langweilig sein wird (denn was soll man überhaupt noch tun, wenn alles schon in der Tabelle ausgerechnet ist?); aber dafür wird alles außerordentlich vernünftig zugehen. Freilich, auf was für Einfälle gerät man nicht aus Langerweile! 

Das eigene freie Wollen, die eigene, ob auch noch so wunderliche Laune, die eigenen fantastischen Einfälle, mögen sie auch manchmal geradezu an Wahnwitz streifen, das alles läßt sich eben in keine Kategorie einfügen, und dadurch gehen alle Systeme und Theorien beständig zum Teufel.

Woher haben all diese Weisen ihre Ansicht genommen, daß der Mensch ein tugendhaftes Wollen brauche? Was der Mensch braucht, ist einzig und allein ein selbständiges Wollen.

,Ha-ha-ha! Aber ein Wollen gibt es ja, wenn Sie erlauben wollen, überhaupt nicht!’ unterbrechen Sie mich lachend. ,Die Wissenschaft hat den Menschen bereits so weit seziert, daß wir auch jetzt schon wissen, daß das Wollen und der sogenannte freie Wille nichts anderes sind als …’

In der Tat, wenn wirklich einmal die Formel für all unser Wollen und für alle unsere Launen gefunden sein wird – dann wird ja der Mensch vielleicht sofort aufhören zu wollen, ja, er wird wohl bestimmt aufhören.

Denn was ist das für ein Vergnügen, nach der Tabelle zu wollen? Und damit nicht genug: Er verwandelt sich sogleich aus einem Menschen in den Stift eines Leierkastens oder etwas Ähnliches; denn was ist ein Mensch ohne Wünsche und ohne Wollen anderes als ein Stift auf der Walze eines Leierkastens? Ich kann ja dann mein ganzes Leben auf dreißig Jahre hinaus vorherberechnen.

Doch ich will ganz selbstverständlich leben, um meiner ganzen Lebensfähigkeit Genüge zu tun und nicht bloß meiner Fähigkeit, vernunftgemäß zu denken, das heißt etwa dem zwanzigsten Teile meiner ganzen Lebensfähigkeit. Die menschliche Natur handelt als ein vollständiges Ganzes, mit allem, was zu ihr gehört, bewußt und unbewußt, und wenn sie auch Unsinn macht, so lebt sie doch.

Die Vernunft befriedigt nur die vernunftmäßige Fähigkeit des Menschen; das Wollen aber ist eine Bekundung des gesamten Lebens, das heißt des gesamten menschlichen Lebens mitsamt der Vernunft und allem sonstigen Zubehör. Und obgleich unser Leben bei dieser Bekundung sich oft als ein rechter Quark erweist, so ist es doch Leben und nicht nur das bloße Ziehen einer Quadratwurzel.

Wenn Sie sagen, daß man alles nach der Tabelle berechnen könne, so daß schon allein die Möglichkeit der Vorherberechnung den ganzen Widerstand hemme und die Vernunft den Sieg davontrage, so wird in diesem Falle der Mensch absichtlich verrückt werden, um keine Vernunft zu haben und auf seinem Willen zu bestehen!

Ich glaube das, ich garantiere das, da ja alles menschliche Tun, wie es scheint, tatsächlich nur darin besteht, daß der Mensch alle Augenblicke sich selbst den Beweis liefert, daß er ein Mensch und kein Walzenstift sei! Die eigene Laune erhält uns in jedem Falle das Wichtigste und Wertvollste, nämlich unsere Persönlichkeit und unsere Individualität.“

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