Wir erleben gerade, wie versucht wird, den Menschen abzuschaffen. Wir reden mit Maschinen. Wir fühlen uns von Maschinen verstanden. Yuval Noah Harari behauptet in seinem ebenso weit verbreiteten wie dünn gestrickten Buch „Homo Deus“, der Mensch sei eine Ansammlung von Algorithmen. Eine biochemische Algorithmen-Maschine auf Eiweiß-Basis, während Computer elektronisch auf Silizium-Basis arbeiten – ihre Funktionsweise sei aber im Wesentlichen dieselbe.
„Modernen“ Menschen gefällt dieser Reduktionismus des „Der Mensch ist nicht mehr als“, weil er ihr Unbehagen mit sich selbst ausdrückt.
Fjodor Dostojewski hat den wollüstigen Selbsthaß à la Harari, der wichtigtuerisch im Kostüm der Wissenschaft einherschreitet, schon 1864 in seinem kleinen Roman „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ drastisch karikiert. Hier für Sie die Passage, die allen Hararis dieser Welt den Marsch bläst:
„Sie sagen, die Wissenschaft wird den Menschen darüber belehren, daß er tatsächlich weder einen Willen noch eine Laune besitzt und auch niemals besessen hat, sondern daß er selbst nichts weiter ist als eine Art von Klaviertaste oder von Stift in einem Leierkasten, und daß es außerdem auf der Welt noch die Naturgesetze gibt, so daß alles, was er nur tun mag, überhaupt nicht nach seinem Willen, sondern nach den Naturgesetzen geschieht.
Folglich braucht man diese Naturgesetze nur zu entdecken, und der Mensch wird für seine Handlungen nicht mehr verantwortlich sein und ein überaus leichtes Leben haben. Alle menschlichen Handlungen werden dann selbstverständlich nach diesen Gesetzen mathematisch in Form einer Logarithmentafel ausgerechnet, so daß es auf der Welt künftig weder unerwartete Taten noch unerwartete Begebenheiten mehr geben wird.
Dann, all das sagen Sie, werden neue wirtschaftliche Verhältnisse eintreten, die schon vollständig vorbereitet und ebenfalls mit mathematischer Genauigkeit ausgerechnet sein werden, so daß mit einem Schlage alle Fragen verschwinden werden.
Dann wird ein märchenhaftes Leben beginnen. Allerdings kann man nicht garantieren (das sage jetzt wieder ich), daß es dann nicht zum Beispiel furchtbar langweilig sein wird (denn was soll man überhaupt noch tun, wenn alles schon in der Tabelle ausgerechnet ist?); aber dafür wird alles außerordentlich vernünftig zugehen. Freilich, auf was für Einfälle gerät man nicht aus Langerweile!
Das eigene freie Wollen, die eigene, ob auch noch so wunderliche Laune, die eigenen fantastischen Einfälle, mögen sie auch manchmal geradezu an Wahnwitz streifen, das alles läßt sich eben in keine Kategorie einfügen, und dadurch gehen alle Systeme und Theorien beständig zum Teufel.
Woher haben all diese Weisen ihre Ansicht genommen, daß der Mensch ein tugendhaftes Wollen brauche? Was der Mensch braucht, ist einzig und allein ein selbständiges Wollen.
,Ha-ha-ha! Aber ein Wollen gibt es ja, wenn Sie erlauben wollen, überhaupt nicht!’ unterbrechen Sie mich lachend. ,Die Wissenschaft hat den Menschen bereits so weit seziert, daß wir auch jetzt schon wissen, daß das Wollen und der sogenannte freie Wille nichts anderes sind als …’
In der Tat, wenn wirklich einmal die Formel für all unser Wollen und für alle unsere Launen gefunden sein wird – dann wird ja der Mensch vielleicht sofort aufhören zu wollen, ja, er wird wohl bestimmt aufhören.
Denn was ist das für ein Vergnügen, nach der Tabelle zu wollen? Und damit nicht genug: Er verwandelt sich sogleich aus einem Menschen in den Stift eines Leierkastens oder etwas Ähnliches; denn was ist ein Mensch ohne Wünsche und ohne Wollen anderes als ein Stift auf der Walze eines Leierkastens? Ich kann ja dann mein ganzes Leben auf dreißig Jahre hinaus vorherberechnen.
Doch ich will ganz selbstverständlich leben, um meiner ganzen Lebensfähigkeit Genüge zu tun und nicht bloß meiner Fähigkeit, vernunftgemäß zu denken, das heißt etwa dem zwanzigsten Teile meiner ganzen Lebensfähigkeit. Die menschliche Natur handelt als ein vollständiges Ganzes, mit allem, was zu ihr gehört, bewußt und unbewußt, und wenn sie auch Unsinn macht, so lebt sie doch.
Die Vernunft befriedigt nur die vernunftmäßige Fähigkeit des Menschen; das Wollen aber ist eine Bekundung des gesamten Lebens, das heißt des gesamten menschlichen Lebens mitsamt der Vernunft und allem sonstigen Zubehör. Und obgleich unser Leben bei dieser Bekundung sich oft als ein rechter Quark erweist, so ist es doch Leben und nicht nur das bloße Ziehen einer Quadratwurzel.
Wenn Sie sagen, daß man alles nach der Tabelle berechnen könne, so daß schon allein die Möglichkeit der Vorherberechnung den ganzen Widerstand hemme und die Vernunft den Sieg davontrage, so wird in diesem Falle der Mensch absichtlich verrückt werden, um keine Vernunft zu haben und auf seinem Willen zu bestehen!
Ich glaube das, ich garantiere das, da ja alles menschliche Tun, wie es scheint, tatsächlich nur darin besteht, daß der Mensch alle Augenblicke sich selbst den Beweis liefert, daß er ein Mensch und kein Walzenstift sei! Die eigene Laune erhält uns in jedem Falle das Wichtigste und Wertvollste, nämlich unsere Persönlichkeit und unsere Individualität.“ |