Seitenblick - Der Newsletter von Odysseus Kinesiologie & Coaching

Falsche Fragen, falsches Verstehen, falsches Denken

Meine Themen heute für Sie: Was ist besser als fragen? Erzählen! | Die Wohltat, verstanden zu werden | Wo sind die erwachsenen Männer? | Heilsame Schönheit: Bäume tun uns gut | Eine Weisheit von Sebastian Kneipp | Was hilft gegen die als Moral getarnte modische Denkstörung? | Viel Vergnügen beim Lesen!

Dieser Newsletter ist zu 100 Prozent frei von KI. Was Sie hier lesen, ist auf meinem Mist gewachsen. Und bekanntlich wachsen auf dem Mist die schönsten Rosen.

In eigener Sache: Über Pfingsten bin ich im Urlaub. Da befasse ich mich mit Bergen sowie Schlutzkrapfen und Buchweizentorte, woran Sie erkennen können, daß ich in Südtirol sein werde. Deshalb gibt es meinen nächsten Newsletter erst in vier Wochen. Wir lesen uns wieder am 14. Juni

Wolfgang Halder, Odysseus Kinesiologie & Coaching

Überfragt

„Wer fragt, führt“, heißt es in Führungskraft-Trainings und bei Verhandlungstechnik-Kursen. Auch in Coaching-Ausbildungen wird auf Frage-Technik und Frage-Typen großen Wert gelegt. Viel zu großen Wert, wie ich finde.

Da gibt es „Reframing-Fragen“, „zirkuläre Fragen“, „Unterstützer-Fragen“ und viele mehr, die von den Coaches in der Ausbildung brav auswendig gelernt werden. Im Kontakt mit einem Klienten sind viele Coaches deshalb innerlich damit beschäftigt – und gestreßt –, was und wie sie als nächstes fragen, statt hinzuhören, was der Menschen im Sessel gegenüber erzählt und wie er es erzählt.

Ein Coach, der sich im Kontakt mit Klienten aufs Fragen fixiert, der ist bei sich, nicht beim Klienten. Es sind die Fragen des Coaches, die gestellt werden, nicht die des Klienten. Fragen geben eine Richtung vor. Es ist die Richtung des Coaches, nicht die des Klienten. Deshalb führen Fragen oft in die Irre

Hinzu kommt: Fragen verschrecken. Sie aktivieren unser Alarm- und Abwehrsystem. Sie schaffen Distanz, wecken Vorsicht und Rückzug. „Der will was von mir. Der will mir was entreißen, was mir vielleicht unangenehm ist“ – diese innere Abwehr-Haltung entsteht unbewußt im Klienten. Sie blockiert dann – ebenso unbewußt – den Fluß von Energie, Emotionen und Gedanken, den es für ein gelingendes Coaching braucht.

Als Coach sollte man unter dem Radar des Klienten einfliegen, so daß dessen Abwehrsysteme nicht aktiviert werden.

Was ist die Alternative zum Fragen? Den Klienten erzählen lassen. Und hinhören – mit der scheinbar paradoxen Mischung aus höchster Präsenz und völliger Beiläufigkeit, als wäre es ein Plaudern am Flohmarktstand. Dann verbreitet das Gehirn des Klienten die Botschaft: „Der will nichts von mir. Ich bin sicher!

Bei diesem Erzählen kommt der Klient womöglich vom Hölzchen aufs Stöckchen. Doch das macht nur Coaches nervös, die mit vorgefertigten Zielen arbeiten, also Beratung und Training mit Coaching verwechseln, was durchaus häufig vorkommt.

Ich freu mich über die Stöckchen der Klienten, denn sie zeigen mir ganz nebenbei, wie ein Mensch tickt, was ihm wichtig ist, was ihn wütend macht, was mit SchamSchuld oder Angst verbunden ist, welche Werte er schätzt und vieles mehr. 

Der amerikanische Journalist und Talkmaster Larry King hat die Haltung, um die es mir geht, schön auf den Punkt gebracht: „Ich erinnere mich jeden Morgen daran, daß ich von nichts, das ich an diesem Tag sagen werde, etwas lernen kann. Wenn ich also etwas lernen möchte, muß ich hinhören, was andere sagen.“

Nur, wenn ich als Coach lerne, wer der Klient aktuell ist, kann ich ihm bei seinem Wachstums-Wunsch hilfreich zur Seite stehen. – Noch Fragen?

Ich verstehe!

Verstanden zu werden ist eines unserer tiefsten Bedürfnisse, eine unserer größten Sehnsüchte – und, wenn es uns widerfährt, unser größtes Glück. Das Verständnis anderer Menschen ist ein Lebens-Mittel, es nährt uns, kräftigt uns, belebt uns.

Fühlen wir uns unverstanden, darben wir, leiden wir, flüchten wir uns in Betäubungen aller Art – von Arbeit über Erfolg bis hin zu Sex.

Bei Dingen, die lebenswichtig für uns sind, haben wir ein besonders feines Sensorium. Wir bemerken jede Manipulation, jeden Betrug, jedes Vortäuschen durch andere und sei es noch so winzig. Beim Verstandenwerden sind wir, weil es uns so wichtig ist, äußerst feinspürig.

Eine Klientin erzählt von einem Partnerschafts-Streit. Nachdem ihr Partner ihr zum dritten Mal gesagt hatte, worum es ihm geht, weil er nicht das Gefühl hatte, daß sie ihn verstanden hatte, erwiderte sie ihm: „Ist ja gut, ich hab’ verstanden!“ Daraufhin eskalierte der Streit erst recht. 

Meine Deutung der Situation für die Klientin: „Übersetzt heißt Ihr ,Ich habe verstanden': ,Halt endlich die Klappe und laß mich in Frieden!’“ Sie stutzte, grinste schließlich und bestätigte dann: „Ja, genau so war es!“

Woran erkennen wir, daß wir verstanden werden? Am Tun und Handeln des anderen – nicht an seinen Worten. Worte sind billig und verärgern uns in hohem Maße, wenn sie nur „abgesondert“ werden und Verständnis damit nur geheuchelt wird.

Das hab’ ich kürzlich im banalen Zusammenhang eines Online-Kaufes erlebt. Die langweiligen Details erspare ich Ihnen. Es lief nicht so, wie es hätte laufen sollen. Ich bat um Hilfe. Die kam nicht. Ich verschärfte den Ton und machte aus der Bitte eine Forderung. Wieder keine kundenfreundliche Reaktion. Ich legte nach.

Dann kam vom Senior Customer Care Administrator“ der Satz, der mich endgültig aufs oberste Blatt der Palme brachte: Ich kann Ihre Frustration verstehen.“ Das stand am Anfang seiner E-Mail. Es folgten mehrere Absätze voller Begründungen dafür, warum meinem Anliegen nicht entsprochen werden könne, mitsamt Link auf die AGB; der Verweis auf die AGB ist die Bankrott-Erklärung eines Service-Mitarbeiters und bedeutet „Ich will nichts tun, um ihr Problem zu lösen".

Von Verständnis weit und breit keine Spur. Der Verständnis-Satz am Anfang der E-Mail war nur Phrase, ja Lüge. Einem wirklichen „Ich verstehe dich“ folgen Handlungen, die das zeigen. Daran erkennen wir, daß der andere uns wirklich verstanden hat und nicht nur wie ein KI-Avatar daherredet.

Die Firma hat mich als Kunden verloren, weil sie mich nicht verstanden hat und obendrein frech behauptete, sie habe mich verstanden.

Bei jedem Konflikt mit Partner, Kindern oder Kollegen können Sie die Wahrheit meiner These selbst überprüfen. Da halte ich es, was sonst eher selten der Fall ist, mit Jesus und seiner wundervollen Erkenntnis: „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen“. Taten zeigen Verständnis.

Wo sind die erwachsenen Männer?

„Woran erkenne ich, ob ein Mann noch am Rockzipfel der Mutter hängt? Geben Sie mir einen Tip!“, fragt mich eine Klientin mit erwartungsvollem Blick. Sie ist bei mir, weil sie endlich eine stabile Beziehung und eine Familie haben möchte. Dafür braucht es einen Mann, der nicht mit seiner Mutter verheiratet ist. 

Nun lernt man in jeder Coaching-Ausbildung, daß man als Coach weder Tips noch Ratschläge geben soll, denn das hindert die Klienten daran, ihre eigene Lösung zu finden. Solche Lehrbuch-Regeln sind was für ängstliche Naturen, die mit ihren Klienten ein 08/15-Kochrezept-Coaching abspulen und vor allem darauf bedacht sind, keine Fehler zu machen. 

Für mich sind derartige Gebote und Verbote kein Grund, etwas nicht zu tun. Warum? Weil manchmal ein Rat oder ein Tip genau das Richtige ist. Das sagt einem das Gespür für den Klienten und die Situation. Mit starrem Regelwerk stockt der Coaching-Prozeß. Zum Schaden der Klienten.

Kurzum: Ich gab der Klientin folgende Tips. Klare Kennzeichen dafür, daß ein Mann sich noch nicht von seiner Mutter gelöst hat, sind: 

  • Telefoniert er – auch noch als C-Level-Führungskraft mit Millionen-Budget – täglich mit seiner Mutter?
  • Kauft Mutti Kleidung für ihren Sohn, womöglich die Unterwäsche, obwohl er Mitte Vierzig ist?
  • Schlägt er sich bei einem Streit stets auf Mamas Seite?
  • Ist Kritik an der Mutter erlaubt – oder ist Mama unantastbar, gemäß dem Motto: „Alles Schlampen außer Mutti“? 

Sie sind mit so einem Kandidaten zusammen? Dann gehen Sie das Thema an, sonst wird's nichts mit einer reifen und dauerhaften Beziehung.

Heilsame Schönheit: Bäume

„Ich verstehe nicht, wie man an einem Baum vorübergehen kann und nicht beglückt sein, daß man ihn sieht?“, sagte Dostojewski. So geht’s mir auch. Deshalb zeige ich Ihnen hier besonders beglückende Bäume, an denen ich vorübergegangen bin. 

Bergahorn

Im Tal stehen die Kastanien schon in voller Blüte, am Berg auf 1200 m Höhe entfalten sie erst zögernd ihre Blätter. Dieses junge Geschwisterpaar scheint eine gemeinsame Baumkrone zu haben, so innig verschränken die beiden ihre Zweige.
Kranzhorn-Alm am Kranzhorn, bayerisches Inntal

Gedanken-Pfeil

„Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muß eines Tages sehr viel Zeit für die Krankheit opfern.“
Sebastian Kneipp (1821-1897)

Lesefrucht: Als Moral maskierte Denkstörung

Wenn mir von einem Buch der orangene Aufkleber Spiegel Bestseller-Autor entgegenbrüllt, dann neige ich dazu, dieses Buch nicht ernst zu nehmen, weil ein Großteil dessen, was auf dieser Liste steht, geistiger Müll ist.

Beim neuen Buch des Wiener Neurowissenschaftlers und Psychiaters Raphael Bonelli ist das anders. Denn von ihm habe ich schon einige Bücher mit großem Gewinn gelesen, z.B. „Frauen brauchen Männer (und umgekehrt): Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters“ und „Männlicher Narzissmus: Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist“ (beide noch keine Bestseller, also ohne Aufkleber).

Bonellis neues Buch heißt Kopflos: Wie Denken funktioniert. Warum wir es verlernt haben. Wie wir es zurückgewinnen“ und befaßt sich mit Themen, die auch mich heftig umtreiben. Wer Kinder in der Schule hat, erfährt die Indoktrinierung und Ideologisierung der kleinsten Kleinigkeiten unseres Alltags besonders drastisch. Was den Kindern von den Lehrern als Wirklichkeit und Tatsache verkauft wird – von Klima bis zu Geschlecht –  ist haarsträubend und gehört zu dem, was Bonelli als „Denkstörung“ bezeichnet.

Wie in der Schule so in der (Medien-)Öffentlichkeit: „Wahrnehmung wird verzerrt, Überlegung verkürzt, Urteile werden übernommen statt gebildet“.

Die beiden Berufsgruppen, die unser Weltbild besonders stark prägen – Lehrer und Journalisten – sind zugleich jene, die die Welt am wenigsten kennen und verstehen. Hans Rosling hat gezeigt, dass Lehrer und Journalisten bei Tests über Weltwissen schlechter abschneiden als Schimpansen, die ihre Antworten rein zufällig wählen (siehe sein Buch „Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie ist“). Der Grund: die verzerrte Weltsicht von Lehrern und Journalisten. Diese stülpen sie uns mit Gewalt über (Lehrer) oder verkaufen uns ihr Nicht-Wissen als „Qualitätsjournalismus“ (die Mainstream-Medien).

Als Gegengift zu diesen Wirklichkeits-Ignoranten serviere ich Ihnen heute Erkenntnisse Raphael Bonellis, und zwar aus dem Kapitel „Der gesunde Menschenverstand wird uns retten – Die Blindheit der Jungen“:

„Die Störung des modernen Denkens: Evidentes wird umgedeutet, ja moralisiert. Verletzte Gefühle werden zu Erkenntnismitteln erklärt, Widersprüche werden moralisch übertüncht, und logische Kritik gilt als Aggression. Kinder lernen, ideologische Begriffe zu wiederholen, statt Wirklichkeit zu sehen.

Die ideologische Pädagogik erzeugt selbstbewußte und ignorante junge Menschen, die über mehr moralisch aufgeladene Begriffe, aber über weniger Urteilskraft verfügen. Sie haben nicht gelernt, auf das Offensichtliche zu achten.

Das systematische Abgewöhnen des gesunden Menschenverstandes durch stupides Auswendiglernen von ideologisch aufgeladenem Halbwissen nimmt jungen Menschen die Fähigkeit, evidente Muster und allgemeine Prinzipien zu erkennen.

Man kann es auch mit medizinischer Terminologie sagen: Pädagogische Denkstörung ist eine Entwöhnung von der Evidenz. Die Patienten müssen das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung wieder lernen und ihren Sinnen neu trauen lernen. 

Besonders anfällig für den Verlust des Offensichtlichen sind jene Milieus, die Bildung und Ideologie verwechseln. In Teilen des akademischen Mittelstands – jener neuen urbanen Schicht, die in den Universitäten sozialisiert wurde, wo moralische Konformität höher bewertet wird als logische Konsistenz – hat sich ein paradoxes Verhältnis zur Wirklichkeit entwickelt: Je höher die formale Bildung, desto geringer ist die Bodenhaftung. Man lernt, Zweifel als Unsicherheit zu deuten und Widerspruch als moralisches Fehlverhalten.

In solchen intellektuellen Milieus gilt das Nachfragen nach Ursachen schnell als Verdacht auf falsche Gesinnung. Fakten werden nicht mehr nach ihrem Wahrheitsgehalt, sondern nach ihrer sozialen Akzeptanz bewertet. So entsteht ein neues Bildungsparadoxon: Menschen mit akademischen Graden verlieren den Zugang zum Offensichtlichen – nicht, weil sie zu wenig wissen, sondern weil sie zu sehr glauben.

Wir brauchen wieder Mut zur Evidenz. Denken darf nicht länger ideologischen Rücksichtnahmen gehorchen, sondern dem, was sich zeigt.“

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