Kürzlich bekam ich eine Einladung zu einem Online-Kurs namens „The Leader in You“. Dort sollten Führungskräfte den richtigen Umgang mit der Generation Z lernen. Diese jungen Leute, so die E-Mail, hätten „keinen Bock auf Boß-Gehabe“, sie wollten statt dessen „mit Respekt und echtem Dialog“ geführt werden.
Also solle man ihnen keine Arbeitsanweisung geben, sondern jeden Morgen die Frage stellen: „Was braucht ihr, damit ihr heute euer bestes Selbst ins Projekt bringt?“ Als ich das las, mußte ich laut lachen. Der Anbieter des Kurses kennt die Generation Z offensichtlich nur medial vermittelt und aus KI-Geschwurbel, nicht aus der Wirklichkeit.
In meinem früheren Leben war ich Geschäftsführer eines mittelständischen Betriebs. Wenn ich die Krankheits-Statistik erstellte, ergab sich stets dasselbe Bild: Die drei jüngsten Mitarbeiter – allesamt Generation Z, also aus den Jahrgängen 1995-2010 – hatten zusammen mehr Fehl- und Krankheitstage als die dreißig Mitarbeiter über vierzig. Besonders anfällig waren die jungen Leute für die Freitag-bis-Montag-Grippe.
„Ich fühl’ mich nicht so gut“ war für die meisten Gen-Zler Grund genug, sich krankzumelden. Und die Ärzte stellten ihnen immer willfährig eine AU aus. Die Arbeit mußten die anderen machen. Die, die nicht mit ihrem „besten Selbst“ befaßt waren und die so dumm waren, sich nicht bei jeder noch so kleinen Unpäßlichkeit krank zu melden.
Hätten alle Mitarbeiter sich wie die Gen Z verhalten, hätten wir den Laden dichtmachen können.
Eine weitere Lebenswirklichkeit, in der ich die rätselhaften Verhaltensweisen der Generation Z erlebe, ist die Gastronomie. Als Student arbeitete ich nebenbei als Barkeeper. Ganz klassisch mit schwarzer Hose, weißem Hemd und langer weißer Schürze. Das erste und wichtigste, was ich lernte, war volle Präsenz und Aufmerksamkeit für den Gast (genau wie bei einem Coaching!). Ich witterte quasi, daß jemand ein weiteres Getränk möchte, bevor ihm selbst das Verlangen danach bewußt war.
In einem Münchner Restaurant-Café, in dem ich regelmäßig zu Gast bin, erlebe ich ständig das Gegenteil. Die Gen-Z-Kellner, die meisten Frauen, gucken nach unten. Immer. Ob mit vollem Tablett oder einem leeren Glas in der Hand. Der aufrechte Gang wird negiert. Der Kopf neigt sich nach unten, die Augen starren auf die Füße. Das Gesicht grimmig-verbissen. Das ist die Normal-Haltung der Smartphone-Autisten im Alltag: den Blick immer nach unten aufs Brettchen in der Hand.
Der gesenkte Kopf und der gesenkte Blick sind für mich das Merkmal der Generation Z. Der Blick aufs Smartphone ist wichtiger als der Blick in die Welt. Die Gen Z glaubt wirklich, daß das, was in dem Brettchen in ihrer Hand geschieht, etwas mit Leben zu tun habe.
Den Gast kann man mit Blick nach unten nicht wahrnehmen. Der muß durchs Lokal rufen oder aufstehen, um die Kellnerin zu suchen, die in einer Ecke hockt und dort mit ihrem Smartphone befaßt ist. Blick nach unten, was sonst …
Der Chef-Kellner, ein Boomer wie ich, bewegt sich erhobenen Hauptes und lächelnd zwischen den Tischen – ein leichtes Zucken mit den Augenbrauen reicht, und er weiß, daß ich was möchte.
Als Erklärung für die Weltsicht und das Verhalten der Generation Z werden „Krisenerfahrung“ und „Zukunftsangst“ angeführt. Das Leben dieser Generation im Zeichen von „Klimakrise“, „Pandemie“ und „Krieg“ führe zu ihrem pessimistischen Blick auf die Zukunft.
Was für ein schwachbrüstiges Argumentchen! Die Boomer wuchsen mit der Angst vor einem Atomkrieg auf. Ich war lange Zeit fest davon überzeugt, meinen 20. Geburtstag nicht zu erleben, weil vorher bestimmt die Bombe fallen würde.
Das war eine reale Gefahr. Hinzu kam die von den Medien betriebene Angst-Pornografie mit all den erfundenen oder maßlos übertriebenen Gefahren: „Grenzen des Wachstums“, „Global 2000“, „Waldsterben“, „Ozonloch“ und „AIDS“. Lauter Schreckensvisionen, die allesamt nicht oder nur zum Teil eingetreten sind. Was die Medien, die damit hausieren gegangen sind, dann verschwiegen haben.
Kurzum: Nach der Krisen-Logik müßten die Boomer genauso sein wie die Generation Z. Doch die Boomer haben nicht aufgehört zu leben, wiewohl sie mit der Bombe rechneten. Morgen verglühe ich womöglich im Atompilz – doch das ist kein Grund, den ganzen Tag im Bett zu liegen und zu jammern. Warum sich vom Atomkrieg die Stimmung verderben lassen?
Heaven 17, eine meiner Lieblingsbands der frühen 1980er, hatte den passenden Song dazu: „Let’s All Make a Bomb“ mit der Textzeile „Although our future's looking black / Let's celebrate and vaporize“ („Auch wenn unsere Zukunft schwarz aussieht / Laßt uns feiern und verdampfen“). Das Video zum Song endete denn auch mit einem Atompilz.
Die Boomer haben sich von einem real möglichen Atomkrieg nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Warum zittert die Generation Z so vor einer medial inszenierten „Klimakrise“ und einer ebenso medial inszenierten „Pandemie“?
Was mich am meisten erschüttert, ist die Lebensangst der Generation Z. So viel Lebensangst! Und kaum eine Spur von Lebenslust oder gar Lebenshunger. Das tut mir schon beim Wahrnehmen und beim Niederschreiben weh. Dieser herzzerreißende Grauschleier in den Augen der Generation Z. Das ist für mich ein weiteres Kapitel im Buch namens „Die Mysterien des Menschen“.
So, nun hab’ ich’s mir mit allen Generation-Z-Lesern verdorben und gehe in mein Lieblings-Café, in der Hoffnung, daß mein Boomer-Generations-Kollege heute Dienst hat ... |