Seitenblick - Der Newsletter von Odysseus Kinesiologie & Coaching

Dopamin-Lüge, ein Blind Date und ein Hells Angels beim Psychotherapeuten

Meine Themen heute für Sie: Wollen Sie wirklich was in Ihrem Leben ändern – oder tun Sie nur so? | Blind Date mit einem Klienten | Heilsame Schönheit: Bäume tun uns gut | Heilmittel Musik | Auch Hells Angels haben Eheprobleme | Viel Vergnügen beim Lesen!

Dieser Newsletter ist zu 100 Prozent frei von KI. Was Sie hier lesen, ist auf meinem Mist gewachsen. Und bekanntlich wachsen auf dem Mist die schönsten Rosen.

Eine Bitte: Wenn Sie jemanden kennen, den das, was ich hier erzähle, interessiert, leiten Sie ihm diesen Newsletter weiter. Dankeschön!

Wolfgang Halder, Odysseus Kinesiologie & Coaching

Der unfruchtbare „Meeega!“-Kult

Wir sehen ein Video, sind begeistert, teilen den Link gleich auf allen SM-Kanälen, bei denen wir unterwegs sind, und packen drei Smileys und fünf Daumenhoch dazu. Wir nehmen an einem Wochenend-Workshop teil und schwärmen Freunden vor: „Das war meeega!“ Wir fühlen uns drei Tage wie auf Wolke sieben, können aber schon einen Tag nach dem Workshop nicht mehr sagen, worum es genau ging. Aber es war „geil“

Die Inhalte all der Videos, Podcasts, Postings, Bücher, Workshops und Seminare sind nebensächlich. Was ist die Hauptsache? Wir holen uns einen schnellen Dopamin-Kick, fühlen uns kurzzeitig „suuuper“ – und dann läuft unser Leben weiter wie immer. Nichts hat sich geändert. Nichts wird sich ändern.

Also braucht’s gleich den nächsten Workshop, den nächsten Super-Speaker-Event, das nächste Video mit Schamanen und Gerede über ein neues „Bewußtseins-Level“. Denn wir sind süchtig nach diesen Dopamin-Kicks und bilden uns zugleich ein, wunder wie bewußt und achtsam wir seien. Ich nenne das die spirituelle Lebenslüge.

Persönliches Wachstum beginnt, wenn uns klar wird, daß all das bestens geeignete Methoden sind, uns selbst zu belügen und uns eine Veränderung oder gar positive Weiterentwicklung vorzugaukeln.

Diese Kurzzeitbefriedigung ist Teil der Infantilisierung unserer Kultur, in der man – wie ein Säugling – alles sofort haben will und, so man es nicht bekommt, zu weinen beginnt. 

Wenn Sie beim Lesen genickt und sich gedacht haben „Ja, so ist es“ und danach gleich von diesem Newsletter weiterklicken zu einem Video über Atemübungen oder einem Podcast zur Erstellung eines Visionboards für 2026, dann sind meine Zeilen sinnlos, denn dann hab’ ich Ihnen nur einen weiteren kurzen Dopamin-Kick verschafft.

Mein Wunsch ist es, in Ihnen ein inneres Aufbäumen hervorzurufen, ein Aufbäumen jenes Selbstanteils in Ihnen, der genau spürt, daß das unreife Hüpfen von einem Video zum nächsten Workshop Firlefanz ist und Sie keinen Millimeter weiterbringt.

Erwacht dieser Wille zu dauerhafter Lebendigkeit in Ihnen und hören Sie auf ihn, dann wird 2026 für Sie ein annus mirabilis, ein Wunderjahr. Es liegt bei Ihnen. Nur bei Ihnen. Es ist Ihre Entscheidung. Sie haben es in der Hand. Alle Ausreden, so weiterzumachen wie bisher, sind billig. Das wissen Sie. Das spüren Sie. Vertrauen Sie Ihrer Sehnsucht nach sich selbst und folgen Sie ihr. – Erwarte ich zu viel von Ihnen?

Blind Date mit einem Klienten

Ich gehöre zu den Dinosauriern, die noch mit einem Terminkalender aus Papier arbeiten. Das werde ich in den nächsten vierzig Jahren auch nicht mehr ändern. Papier und Gehirn sind eine unschlagbare Kombination – wenn man denn beim Schreiben auf Papier das Gehirn auch benutzt.

Das habe ich kürzlich versäumt. Und so las ich in meinem Kalender, als ich an einem Donnerstagmorgen meinen Tag vorbereitete, nur 18 Uhr – aber es stand kein Name dabei! Ich wußte: Um 18 Uhr kommt ein Klient, aber ich wußte nicht, wer es ist.

Nun kamen zwei Instanzen in mir in Aktion: das Gedankenkarussell, das ständig versuchte, doch irgendeine Erinnerung daran aufzuspüren, wer um 18 Uhr wohl vor mir stehen würde. Und es kam die Angst. Ich kann mich überhaupt nicht vorbereiten! Was wird das für eine Sitzung? Was hab’ ich mit dem schon bearbeitet? Wo stehen wir im Prozeß? Was wäre der beste nächste Schritt?

Eine dritte Instanz kam dazu: mein innerer Kritiker: „Du Depp!“, legt er los … Ich erspare Ihnen die Beschimpfungen, mit denen ich mich überhäuft habe, die kennen Sie gut von sich selbst.

Das war der Moment, einige der wundervollen Übungen zur Energie-Aktivierung, mit denen die Kinesiologie die Menschheit beschenkt hat, anzuwenden. Wo Schmerz, da kein Chi, wo Chi, da kein Schmerz. Das ist die Basis meiner Arbeit. Also brachte ich mein Chi ins Fließen.

Und als ich so klopfte und drückte, massierte und bewegte, da erklang in mir die Stimme meines Kinesiologie-Lehrers. Er sagte: „Geh mit der Einstellung in jede Sitzung, als hättest du es schon tausendmal gemacht“. Und gleich danach sagte er: „Geh mit der Einstellung in jede Sitzung, als wäre es deine erste“.

Ein Paradox? Ja, und gerade deshalb so wirkungsvoll, denn wir Menschen verstehen uns nur durch die Paradoxien unseres Denkens, Fühlens und Handelns. Wer das ignoriert und uns Menschen auf einen Eiweiß-basierten Algorithmus reduziert wie Harari und Co., landet bei der KI. Also in der Sackgasse.

KI ist eine Sackgasse für das Verständnis des Menschen und eine zehnspurige Autobahn ohne Tempolimit für die Manipulation der Menschen. Vor allem – und am schlimmsten – für die unfreiwillige und unbewußte Selbst-Manipulation der Menschen. Diese KI-gesteuerte Selbst-Manipulation ist das Monster, das tagtäglich in jeder Ritze unseres Lebens wächst wie ein Glioblastom.

Beide oben genannten Haltungen zusammen – als wär’s das erste Mal und als hätte man’s schon tausendmal gemacht – sind das Geheimnis für eine gelungene Kinesiologie-, Coaching- oder Therapie-Sitzung. Es ist die magische Mischung aus Gelassenheit und Sicherheit kombiniert mit Anfänger-Geist wie im Zen.

Kaum war diese Stimme verklungen, ich klopfte gerade am Herz-Meridian, fiel mir die Maxime des großen englischen Psychoanalytikers Wilfred Bion ein, man solle „without memory and desire“ arbeiten, also „frei von Erinnerung und Verlangen“, mithin vollkommen offen und empfänglich für all das, was der Mensch, der hilfesuchend zu einem kommt, zeigen und ansehen möchte.

Damit war mein Knoten gelöst. Ich freute mich auf den unbekannten Klienten und alles, was er mitbrachte. Sie ahnen es: Die Sitzung lief rund und geschmeidig und war sehr fruchtbar. Die Augen des Klienten leuchteten, als er ging. Meine auch.

Heilsame Schönheit: Bäume

„Ich verstehe nicht, wie man an einem Baum vorübergehen kann und nicht beglückt sein, daß man ihn sieht?“, sagte Dostojewski. So geht’s mir auch. Deshalb zeige ich Ihnen hier besonders beglückende Bäume, an denen ich vorübergegangen bin. 

Bergahorn

Steh ich vor einer Hänge-Esche, hab’ ich immer den Impuls, in die Hände zu klatschen, um die „Fledermäuse“ aufzuschrecken, die an den Ästen baumeln. Doch was aus der Ferne wie Tiere aussieht, sind die Samenbüschel des Baums. Im Hintergrund schimmert der Inn in der tiefstehenden Spät-Dezember-Sonne.
Bei Ebbs im Kufsteinerland

Gedanken-Pfeil

„Musik ist der billigste Therapeut und die gesündeste Droge.“
Warren Farrell (amerikanischer Autor und Paar-Coach)

Lesefrucht: Ein Höllenengel auf der Couch

Heute erzähle ich Ihnen etwas über George Christie. Der Sohn griechischer USA-Einwanderer – sein ursprünglicher Name ist Georgios Chrispikos – war von 1978 bis 2011 Präsident des bedeutenden Ventura Charters der Hells Angels.

Christie war ein schüchternes und sensibles Kind. Der Wendepunkt seines Lebens kam bei einem Spaziergang mit seinem Vater, als er etwa zehn Jahre alt war. Er sah und hörte einen langhaarigen Outlaw-Biker auf seiner Harley vorbeifahren und spürte die Macht und Aura, die von dieser Erscheinung ausging und die alle Passanten in den Bann schlug. So wollte er auch mal sein!

Und er wurde es. Mehr als das: Christie wurde zum berüchtigtsten Hells Angel Amerikas. Er brachte einen neuen Ton in den Club. Eine seiner Neuerungen betraf den Umgang mit Leuten, die anderer Meinung als die Hells Angels waren: Man könne mit ihnen ja erstmal reden. Ließen sie sich so nicht überzeugen, könne man sie immer noch zusammenschlagen. Das war ein revolutionärer Perspektivwechsel für den Club.

In seinem Buch „Exile on Front Street: My Life as a Hells Angel“ von 2016 läßt Christie uns an seinem Leben teilhaben. Ich präsentiere Ihnen eine Passage, in der es um das Thema meines Newsletters geht: persönliches Wachstum.

Ein Hells Angel ist außerhalb seines Clubs ein ganz normaler Mann. So auch George Christie. Als er und seine Frau in einer tiefen Ehekrise steckten, nahm er aufgrund des Stresses in kurzer Zeit stark ab. Das machte ihm Angst, er befürchtete, Krebs zu haben. Der Arzt fand nichts Organisches und empfahl ihm eine Psychotherapie. Was das mit ihm machte, erzählt Christie Ihnen nun selbst:

„Der Rat, zu einem Psychotherapeuten zu gehen, kollidierte mit allem, was ich war. Griechen gehen nicht zu einem Seelenklempner. Männer meiner Generation gehen nicht zu einem Seelenklempner. Hells Angels gehen nicht zu einem Seelenklempner. Doch es schien mir der einzige Ausweg, also machte ich einen Termin.

Am Tag der ersten Sitzung kleidete ich mich wie für einen Undercover-Einsatz. Ich trug nur graue Sachen, keine Club-Abzeichen und keinen Schmuck. 

Ich fuhr mit unserem weißen Transporter, denn durch mein Motorrad hätte man mich identifizieren können. Ich fuhr mehrmals um den Block, in dem die Praxis war, um sicher zu sein, daß mir niemand folgte, und parkte in einer Straße hinter dem Gebäude, in der die Psychotherapeutin war.

Wir saßen in bequemen Sesseln, die leicht versetzt zueinander standen. Es war wie in einem Wohnzimmer. Ich war sehr vorsichtig mit dem, was ich der Therapeutin sagte, doch fühlte ich mich sofort besser. Ich war dann fast ein Jahr bei ihr.

Es war eine Befreiung, eine vollkommen objektive und unabhängige Sicht auf das zu bekommen, was ich als Kind und in meiner Ehe durchgemacht hatte. Ich sprach nie über Dinge, die den Club betrafen. Und ich habe alles darangesetzt, daß niemand von meinen Besuchen bei ihr Kenntnis bekam.

Ich war fest davon überzeugt, daß wenn der Club erfahren hätte, daß ich zu einer Psychotherapie gehe, sie mich rausgeworfen oder umgebracht hätten – oder beides.

Die Therapie half. Innerhalb eines Monats war mein Gewichtsverlust gestoppt, ich hatte wieder mehr Energie und fühlte mich glücklicher.“

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