Coach ist ein wunderbarer Beruf für faule Menschen. Da ich selbst ein bekennender Fauler bin, darf ich das sagen.
In einem Coaching geht es um positive Veränderung und persönliches Wachstum. Wachsen kann man nur selbst, verändern kann man sich nur selbst. Kein Kind lernt dadurch laufen, daß man es ihm erklärt oder ihm ein Video zeigt. So ist es auch im Coaching. Kommt der Klient nicht ins eigene Wahrnehmen, Fühlen, Verstehen, Tun, kann ich als Coach die raffiniertesten Kapriolen aufführen, es wäre für die Katz.
Das Wichtige in einem Coaching sind nicht Fragetechniken, Abläufe oder Methoden, es ist vielmehr das Nervensystem (westlich formuliert) bzw. das Energie-Niveau (östlich formuliert) des Coaches. Mein Nervensystem, meine Energie gehen in Verbindung mit dem Nervensystem und der Energie des Klienten.
Dabei ereignet sich das Entscheidende. Es ist eine stille Kommunikation, jenseits von Worten und Gedanken und gerade deshalb besonders wirksam. Bedenkenswert: Diese Kommunikation überlebt keine technische Übertragung.
Ich verwende für meine Arbeit zwei Bilder: das der Hebamme und das des Bergführers.
Eine Hebamme empfängt das Kind nicht, trägt es nicht aus, gebiert es nicht, stillt es nicht. All das macht die Mutter. Die Hebamme begleitet sie nur auf ihrem Weg.
Noch besser gefällt mir das Bild des Bergführers, weil da die Bewegung drin ist, die für ein Coaching so essentiell ist. Veränderung braucht Bewegung. Lernen, Verstehen und Wachstum brauchen Bewegung – deshalb ist das Stillsitzen in der Schule, das Unsinnigste, was man machen kann, wenn man möchte, daß Kinder lernen.
Was macht ein Bergführer? Trägt er seinen Kunden? Zieht oder schiebt er ihn den Berg hinauf? Steigt er gar mit ihm in die Seilbahn, um auf den Gipfel zu fahren? Nein, nichts von alledem. So ist es auch bei meiner Arbeit als Coach. Der Klient geht jeden Schritt selbst. Er bewegt sich. Ich bin nur dabei.
Hinzu kommt, daß bei einem Coaching der Berg, den ich mit einem Klienten besteige, erst während der Besteigung entsteht. Ich weiß nicht, wo der Gipfel ist und wie weit es bis zu ihm ist. Ich weiß nicht, welche kritischen Stellen es unterwegs gibt. Ich weiß nicht, ob Steinschlag droht oder ein Gewitter kommt.
Der Klient und ich gehen gemeinsam los und keiner von uns weiß, was hinter der nächsten Wegbiegung kommt: eine Schlucht, eine Steilwand, ein Schotterhang, ein Eisfeld?
Doch ich weiß, was jeweils zu tun ist an der Steilwand oder auf dem Eisfeld. Ich habe die Seile dabei und die Steigeisen, den Eispickel, die Haken und die Grödel. Weil ich schon viele Wände durchstiegen und viele Eisfelder überquert habe, weiß ich, was wann am sinnvollsten ist und wie man am besten weiterkommt.
Ganz wichtig und ganz anders als beim echten Bergführer: Mein Ziel ist es nicht, den Klienten auf den Gipfel zu führen. Mein Ziel ist es, daß er mit den Unwägbarkeiten jeder Route zurechtkommt: bei Gewitter und Sturm, bei Regen und Wind, bei Hitze und Erschöpfung.
Er soll beim Steigen und Klettern seine Kraft spüren und optimal einsetzen und mit seinen Fähigkeiten vorankommen. Dadurch wachsen sein Mut und sein Selbstvertrauen ebenso wie sein Durchhaltevermögen. Und er besteigt seinen Berg in seinem Tempo und seinem Rhythmus.
Der Klient macht die Arbeit – ich bin nur dabei.
Coaching ist mithin eine paradoxe Tätigkeit: Nur wenn ich ganz bei mir bin, kann ich beim Klienten sein. Wenn ich mich stärke und es mir energetisch gut geht, kann ich den Klienten stärken. Je mehr ich mich um mich kümmere, desto mehr hat der Klient von mir. Durch mein Bei-mir-sein findet der Klient zu sich. Er spürt sich, weil ich mich spüre. Diese Resonanz ermöglicht sein persönliches Wachstum.
In meine Stärke und Energie komme ich nicht dadurch, daß ich Fragetechniken pauke oder Methoden auswendig lerne, wie es in Coaching-Ausbildungen oft praktiziert wird. Statt dessen betreibe ich Tai Chi und Chi Gong, bewege mich viel an der Luft und in der Sonne, mache kinesiologische Aktivierungen und höre energiestarke Musik.
Tue ich all das, dann bin ich in einer Sitzung ruhig – und der Klient kann sich regulieren. Dann bin ich verbunden – und der Klient fühlt sich sicher. Dann kann ich verstehen – und der Klient fühlt sich verstanden. Dann bin ich stabil – und der Klient kann sich verändern und wachsen.
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